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Blog: Die friedliche Revolution 1989 in Rostock

800 Jahre Rostock

wende 1989 rostock

Anlässlich des 800-jährigen Stadtjubiläums 2018 entsteht aktuell unter dem Motto „Rostock. Meine Geschichte“ eine Ausstellung mit Erinnerungsstücken von Einwohnerinnen und Einwohnern. Ob meine Foto-Collage „WENDE DARAN NOCH DENKST“ - mein persönlicher Rückblick auf die friedliche Revolution 1989/90 in Rostock, von der Jury angenommen wird, ist noch offen. Immerhin sollen 100 Geschichten und 800 Objekte zur Historie der Hansestadt von Mai bis November 2018 auf fünf Etagen des Kröpeliner Tors zusammengetragen und präsentiert werden.

Rostock. Meine Geschichte, (Beitrag einreichen)

Kinder, wie die DDR-Zeit vergeht

wendekinder
klassenfoto


Veröffentlicht by Foto-Hartig, November 2009. Im ersten Bild, oben: Die „Wende“-Kinder Anne, Susanne, Doreen und  Katrin (v.l.) aus Rostock im Herbst 1989 vor der Kamera. Sie sind aufgekratzt und spüren die Veränderungen in der DDR. Die im Hintergrund eingefügte Mauer, eine Montage, soll die historische Situation verdeutlichen. Was ist aus diesen Mädchen geworden? Anne (27) lebt heute in einer festen Beziehung, sie hat ein Kind und arbeitet als Krankenschwester in Berlin. Doreen (31), geschieden, zwei Kinder, ist in einem Altenheim in Rostock tätig. Wo die beiden anderen leben und arbeiten, ist nicht bekannt. Alle haben jedenfalls die Schule mit einem guten Abschluss verlassen.

Das Bild darunter zeigt Rostocker Schüler einer 9. Klasse, die sich am 10. November 2009 im Unterricht mit den historischen Hintergründen der „friedlichen Revolution“ in der damaligen DDR beschäftigt haben. Zwischen diesen beiden Aufnahmen liegen 20 Jahre. 

Beim Thema „Mauerfall“ konnten sich offenkundig erstmals Lehrer, Schüler und Zeitzeugen wegen des zeitlichen Abstandes von 20 Jahren völlig ungezwungen mit den Verhältnissen in der DDR auseinander setzen. So fand ein vom Volkshochschulverband MV initiierter Projekttag am Innerstädtischen Gymnasium Rostock unter dem Titel „Die Rostocker und ihre Revolution - Politischer Umbruch in Rostock 1989/90“ mit Besichtigung der Dokumentations- und Gedenkstätte der BStU in der ehemaligen U-Haft der Stasi, Zeitzeugen und Film „Es ist die Zeit“ großen Zuspruch. Zudem konnten alle Schülerinnen und Schüler der sechsten Klassen in der Hansestadt Rostock ein Kinderbuch des tschechischen Zeichners Peter Sis mit dem Titel „Die Mauer - Wie es war, hinter dem Eisernen Vorhang aufzuwachsen“ in Empfang nehmen. Ein Geschenk des Münchner Carl Hanser Verlages mit seinem Verleger Michael Krüger und des Rostocker Buchhändlers Manfred Keiper („die andere Buchhandlung“).

In Rethwisch, Landkreis Bad Doberan, erinnerten mehr als 300 Schüler der Conventer Schule mit einem Sternmarsch durch die Straßen an den Mauerdurchbruch vor 20 Jahren. Die nachgebaute Mauer stürmten sie mit lauten Rufen. Das Käthe-Kollwitz-Gymnasium Rostock recherchierte in Stasi-Akten. Herausgekommen ist die Geschichte eines gescheiterten Fluchtversuchs mit einem U-Boot. In Neubrandenburg arbeitete das Gymnasium Carolinum die Geschichte der Stasi-Haftanstalt Neustrelitz auf. Schüler der Grundschule Tarnow im Landkreis Güstrow sprachen mit Zeitzeugen über die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) im damaligen Bezirk Rostock. Die „Dorfrepublik Rüterberg“, die zu DDR-Zeiten in der militärischen Sperrzone lag, untersuchte das Gymnasiale Schulzentrum Dömitz, Landkreis Ludwigslust. In Samtens auf Rügen ließen 188 Mädchen und Jungen der Grundschule „Kranichblick“ Luftballons in den Himmel steigen.

Von längerer Dauer ist diese Aktion: Eine historische Straßenbahn zum Gedenken an die friedliche Revolution 1989 und den Mauerfall fährt seit 9. November durch Rostock. Die OSTSEE-ZEITUNG und die Rostocker Straßenbahn AG brachten den mit Schlagzeilen und Fotos dekorierten Tatra-Triebwagen von 1989 auf die Schiene. Diese Straßenbahn verkehrt bis 2011 auf der Linie 1.

Für viele ist die kleine, merkwürdige DDR mit Mauer und Stacheldraht längst Geschichte. Beim Rückblick fällt auf: „Kinder, wie die DDR-Zeit vergeht.“ Doch der Bürgerrechtler und ehemalige Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck (69), sieht 20 Jahre nach dem Mauerdurchbruch bei vielen Ostdeutschen noch immer Skepsis gegenüber dem vereinten Deutschland: „Die Freude an der Freiheit hat sich in Furcht vor der Freiheit verwandelt“. Für ihn persönlich seien die wesentlichen Ziele der damaligen Bürgerbewegung erfüllt. „Wir sind ein freies Land, wir haben Grundrechte und sind ein Rechtsstaat. Das hatte ich 50 Jahre meines Lebens nicht“, sagte der gebürtige Rostocker. Deswegen sei er nicht enttäuscht, sondern von Freude und Dankbarkeit über die Einheit geprägt. Das erklärte er in einem Gespräch am 9. November der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Roland Hartig 

Wende daran noch denkst

friedliche revolution rostock 1989

Veröffentlicht by Foto-Hartig, Oktober 2014. Aktuell erinnern Medien, Parteien und politische Stiftungen an die friedliche Revolution in der DDR vor 25 Jahren. Damals war ich als Fotoamateur unterwegs. Viele Menschen spürten wie ich, so konnte es im „realen Sozialismus“ nicht mehr weiter gehen. Es musste etwas passieren. Schliesslich brachte die alte realitätsfremde Garde, die am 7. Oktober noch den 40. Jahrestag der DDR von oben herab feiern konnte, das Fass zum Überlaufen. Was sich danach in vielen Städten der DDR - so auch in Rostock - nach getaner Arbeit in den Kirchen, auf den Straßen und in den Dialogrunden abspielte, erfasste Hunderttausende. Es waren die bewegten Bürger, die sich mutig den gewaltlosen und demokratischen Aufbruch in die Freiheit erstritten. Dabei konnten sich die Forderungen wie Ende der SED-Herrschaft, Meinungs- und Reisefreiheit, freie Wahlen und Deutsche Einheit durchsetzen. 

Mit meinem Fotoapparat lichtete ich eine Fülle historischer Momente ab. Daraus entstand aktuell diese Foto-Collage mit 12 Bildern, die aus meiner Sicht den Prozess des gesellschaftspolitischen Wandels gut verdeutlicht. Die einzelnen Bildbeschreibungen finden Sie im Internet unter dem Titel „Die friedliche Revolution 1989 in Rostock“, Rubrik „Fotoalbum“

Ein Foto-Video unterlegt mit dem Rostocker Song „Es ist die Zeit“ von Wolfgang Grahl (Text, Melodie, Gesang) und Johannes Pistor (Arrangement) ist auf YouTube abrufbar. 

Zudem ist die Collage WENDE DARAN NOCH DENKST Variante 1 / Variante 2 / Variante 3 auf der Plattform fotocommunity zu finden. Der jeweilige Fotoabzug ist als Kunstedition z.B. unter Acrylglas u.a. im Format 60 x 40 erhältlich. 

Roland Hartig (erstmals veröffentlicht am 24.10.2014)

Ostdeutsche Zeitenwende

willi brandt rostock 1989

WILLY BRANDT 1989 IN ROSTOCK

Veröffentlicht by Foto-Hartig, Dezember 2007. Vor 20 Jahren machten sich mündige Bürger der DDR in oppositionellen Gruppierungen auf, um für Demokratie und die Deutsche Einheit zu streiten. Damals ein mutiges und gefährliches Unterfangen, denn die SED-Diktatur war noch nicht am Ende. Nach dem Mauerdurchbruch am 9. November 1989 setzte neben der privaten auch eine parteipolitische Reisefreudigkeit ein. Westdeutsche Politiker und Funktionäre besuchten die bürgerbewegten Kräfte vor Ort. Dazu zählt auch der Besuch von Willy Brandt (1913 bis 1992), SPD-Ehrenvorsitzender und Präsident der Sozialistischen Internationale, am 6. Dezember 1989 in Rostock. Der besonders durch seinen Kniefall vor dem Warschauer Ghetto-Denkmal im Jahre 1970 weltweit geschätzte Staatsmann und spätere Friedensnobelpreisträger war auch in der deutsch-deutschen Zeitenwende ein gefragter Mann.

Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört

Mit Blick auf die beiden deutschen Staaten sagte Willy Brandt in der Marienkirche: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört. - Und vergesst nicht jene, denen es schlechter als uns Deutsche geht.“ Er betonte aber auch: „Eine Wiedervereinigung kann ich mir schwer vorstellen. Es wird nichts mehr so sein, wie es war. Sondern es ist etwas Neues, was wir schaffen müssen, und das müssen wir in Respekt voreinander schaffen.“  An diesem Abend strömten 8000 Menschen in die Kirche, draußen hörten 20 000 über Lautsprecher zu. Danach ging es zu einer Fernsehsendung in den Warnemünder Teepott. Millionen verfolgten live am Bildschirm «die erste wirklich deutsch-deutsche Fernsehsendung im ZDF, „Deutsches aus Ost und West“ mit Dirk Sager als Moderator». (1) Daran nahmen außer Willy Brandt noch Joachim Gauck für das Neue Forum, Wolfgang Schnur für den Demokratischen Aufbruch, Professor Rolf Reißig von der SED Parteischule in Berlin und Ingo Richter, Gründungsmitglied der Sozialdemokratischen Partei in Rostock, teil. Dass aus dem Demo-Ruf des Herbstes „Wir sind das Volk“ nur wenige Monate später „Wir sind ein Volk" wurde, ist neben dem Mauerfall sicher auch dem Brandt-Besuch in Rostock-Warnemünde geschuldet. Ganz klar war das auch einer dieser Mosaiksteine im Tauziehen um die beste politische und wirtschaftliche Lösung für die Bürger in der Noch-DDR.

Die Mauer ist auf!

Auf diese Ereignisse reagierte die Rostocker SPD am Sonntagabend mit einer Festveranstaltung im Albert-Schulz-Haus. Schließlich löste der 6. Dezember vor 20 Jahren eine Eintrittswelle in die sich neu gegründete SDP/SPD aus, besonders in und um Rostock. Dort brachte sie es in den Anfangsmonaten auf 1500 Mitglieder. Daran und an die Anfänge der SPD erinnerte Ingo Richter, Ex-Vorsitzender der SPD im ehemaligen Bezirk Rostock und nach dem politischen Umbruch Ärztlicher Professor der Kinderklinik an der Universität Rostock. Dabei würdigte er das Wirken der kirchlichen Kreise und des Neuen Forums im Herbst 89, verwies auf Gespräche und Freundschaften. Auch wie er Ende Oktober 1989 mit Horst Denkmann in dessen Küche ein Papier aufsetzte, „um die Sozialdemokratische Partei in der DDR, abgekürzt SDP, im Rathaus anzumelden“. Es sollte eine Partei sein, die nicht mit der DDR-Vergangenheit belastet war, wie die Blockparteien, und diese Partei sollte zunächst eine eigenständige Partei in der DDR sein, um sie nicht schon im Ansatz durch ein Verbot zu gefährden, so die Vorstellungen der Gründer. Die Ereignisse um den Mauerfall markierten die Geburt dieser Partei in der Hansestadt. Am Vortag gab es aus dem Rathaus die Anmeldungsurkunde. Am 9. November kamen wieder tausende Menschen in die Rostocker Kirchen zu den Fürbitt-Gottesdiensten, da machte bereits die Nachricht „Die Mauer ist auf!“ die Runde. Im Anschluss zog es viele zum heimischen Fernsehapparat, doch die meisten demonstrierten durch die Innenstadt, von der Marienkirche bis zum Staatssicherheitsgebäude in der August-Bebel-Straße.

Ingo Richter: „Schon am nächsten Tag, am 10. November trafen wir uns im Studentenheim in der Südstadt zur offiziellen Gründungsveranstaltung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR, der SDP.  Ich weiß nicht mehr, wie wir das organisiert haben, denn die Presse hat uns dabei nicht geholfen. Überwiegend geschah es durch mündliche Weitergabe. Es kamen plötzlich Menschen zusammen, die vorher nie einander begegnet waren. Man wusste zunächst auch nicht, wem man trauen durfte. Aber letztlich war es uns auch nicht mehr wichtig. Zu dieser Veranstaltung waren etwa 100 Menschen gekommen. Hier lernte ich erstmals auch Harald Ringstorff kennen, unseren späteren Ministerpräsidenten.“

Als „einfach überwältigend“ bezeichnete Ingo Richter den Anruf vom 20. November 1989, als sich morgens bei ihm das „Büro Willy Brandt“ meldete. „Willy Brandt kommt am Mittwoch, 6. Dezember 1989 nach Rostock. Treffpunkt ist die Marienkirche. Beginn zwischen 17.30 und 18.00 Uhr.“ Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Rostock.

Die sind alle noch bewaffnet

Auch das ist Teil der Geschichte: Am 4. Dezember 1989 verhinderten Bürgerrechtler unter Führung von Axel Peters, einem Bildhauer und späteren Landrat, in der Rostocker Stasizentrale die weitere Vernichtung der Akten. Dazu Ingo Richter: „Ich selbst hatte an diesem Tag Nachtdienst in der Kinderklinik. Plötzlich bekomme ich einen Anruf. Es meldet sich Horst Denckmann aus dem Staatsicherheitsgebäude und verlangt, dass ich umgehend hinkommen müsste. «Bringe Deinen Arztkoffer mit, sie sind alle noch bewaffnet.» Im Nachtdienst vertritt mich ganz bereitwillig - Ironie der Geschichte - der SED Parteisekretär der Klinik, sodass ich im weißen Kittel mit Arztkoffer zum Hintereingang der Staatssicherheit am Grünen Weg fahre, wo bereits  eine riesige Menschenmenge steht und lautstark Einlass begehrt. Ein weißer Kittel ist manchmal hilfreich und so komme ich nach einigen Diskussionen unter Hinweis auf meine ärztliche Pflicht, falls etwas passieren sollte, ebenfalls am Wachposten vorbei. Die anderen paar Tausend bleiben draußen.“ 

Gratulanten aus der Bundesrepublik und Skandinavien

Zur Eröffnung des ersten Parteihauses in der Thomas-Mann-Straße am 28. Dezember 1989 gratulierten zahlreiche Vertreter der neuen Parteien, auch Joachim Gauck - er kam mit einer riesigen Kerze. „Denn letztlich wollten wir alle das Gleiche, die Beseitigung des DDR Regimes“, sagte Richter. Und: „Es kamen unendlich viele Sozialdemokraten aus der Bundesrepublik und auch aus den skandinavischen Ländern zu uns, um zu helfen, technisches Gerät zu übergeben und sich persönlich einzubringen. Auch die Bremer Sozialdemokraten haben uns sehr unterstützt.“ Der frühere Hamburger Bürgermeister Peter brachte dringend benötigtes Geld mit. „Er wusste eben, was uns fehlte.“

Im Dezember 1989 erstritten vor allem die Mitgründer der SPD in Rostock, Ingo Richter und Horst Denkmann, am Runden Tisch des Bezirkes Rostock die Wiedergeburt und das Erscheinen der Tageszeitung „Mecklenburgische Volks-Zeitung“ (MVZ). Altbundeskanzler Helmut Schmidt gab jede Menge Tipps und Anregungen mit auf den Weg.

Wahlen und Staatsverträge besiegelten die Einheit Deutschlands

Innerhalb der SPD dachten nicht alle an die rasche Einheit Deutschlands. Ein Markus Meckel Papier (Februar 1990) forderte fünf bis zehn Jahre, so Richter. „Das war für uns Rostocker Sozialdemokraten ein Schlag ins Gesicht. Wir hatten gerade einen Brief an bedeutende Vertreter der Bundespolitik versandt und die Einheit Deutschlands gefordert.“ Letztlich kam sie durch Wahlen und Staatsverträge zustande. Am 3. Oktober 1990 war die staatliche Einheit Deutschlands vollzogen. 

Die 70 SPD-Mitglieder, die am 6. Dezember 2009 zum Feiern kamen, hatten wirklich allen Grund dazu.

Roland Hartig, 7. Dezember 2009

1) Zitat: Ingo Richter


Gerechtigkeitsausschuss Rostock 1989 - 1994

arvid schnauer

1. Phase :: Gegründet wurde dieser Ausschuss in den revolutionären Wirren des Herbstes 1989 noch von der DDR-Stadtverordnetenversammlung Rostock auf einer Sondersitzung am 6.11.1989. 

- Er sollte Anträge von Bürgern der Stadt Rostock zur Prüfung von Rechtsverletzungen durch Funktionäre des Staates, der Wirtschaft und anderer gesellschaftlicher Bereiche in Rostock bearbeiten; 

- angeblich falsche Anschuldigungen prüfen und auf der Grundlage des Rechts die Verantwortlichkeit feststellen und 

- er sollte Bürger, denen Unrecht geschehen ist, bei der Rehabilitierung unterstützen. (Wortlaut der Aufgabenstellung)

Dieser „zeitweilige Gerechtigkeitsausschuß“ sollte aus Abgeordneten aller mandats-tragenden Parteien und Organisationen gebildet werden und sich auf Vorschläge von weiteren Organisationen und Bürgerbewegungen ergänzen können. „Zur Sicherung der Arbeitsfähigkeit ist durch den Rat der Stadt ein Sekretär zu benennen. Die Konstituierung erfolgt bis zum 13.11.1989“. Der designierte SED Vorsitzende Helmut Wassatsch trat sein Amt wegen angeblicher Morddrohungen nicht an (es wurde bekannt, dass in seinem Betrieb starke Proteste lautgeworden waren), Frau Ulrike Oschwald wurde am 21.11. in der ersten Sitzung zur Vorsitzenden und Arvid Schnauer als ihr Stellvertreter bestimmt. Nach der ersten freien Wahl wurde Frau Oschwald Senatorin und Arvid Schnauer übernahm das Amt des Vorsitzenden bis zum Schluß der Arbeit im Jahre 1994. 

Dieser merkwürdige Vorgang hatte also seinen Anfang in den Turbulenzen der revolutionären Bewegung im Oktober 1989 und wurde noch von den DDR-Gremien (Stadtverordnetenversammlung und Rat der Stadt Rostock) unter Regie der „führenden“ Partei initiiert. Er war damit von seinem Ursprung her ein Versuch der damaligen Machthaber, auf die revolutionäre Lage zu reagieren. Dass noch vor seinem ersten Zusammentreten Vertreter der evangelischen Kirche und des Neuen Forums in die Arbeit eingebunden werden sollten, zeigt, welche Kraft von dem Druck der Kirche (Friedensgebete) und der Straße (Demonstrationen) ausging. Der Ausschuss nahm in der Umbruchzeit am 21. November seine Arbeit auf und sorgte im Konzert der Bürgerbewegungen und der neu entstehenden Parteien und Gruppierungen für eine besondere Stimme und hatte an der Aufarbeitung des DDR-Unrechts einen wesentlichen Anteil. Diese Genesis aus der SED-Stadtverordnetenversammlung darf nicht aus den Augen gelassen werden.

2. Phase :: Nachdem zunächst nur eine Arbeitsphase bis zur ersten freien Wahl 1990 ins Auge gefasst war, wurde der Ausschuss im Herbst 1990 durch die Beauftragung der neuen Bürgerschaft nach dieser ersten demokratischen Wahl in Rostock zu einem der wenigen Bindeglieder zwischen der „alten“ und der „neuen“ Zeit. Eine Reihe der bisherigen Mitglieder war bereit, weiter zu arbeiten, sein Vorsitzender Pastor Arvid Schnauer wurde vom Bündnis 90 auch für den neuen Ausschuss vorgeschlagen und von der Bürgerschaft bestätigt; die Arbeitsprinzipien und Vorgehensmuster wurden beibehalten. 

Der Gerechtigkeitsausschuss hat also von November 1989 bis zum Oktober 1990 und danach in einer zweiten Phase bis November 1994 gearbeitet. In beiden so verschiedenartigen Zeiträumen seiner Tätigkeit hat er mit seinem Versuch, Menschen zu rehabilitieren, Unrecht offenzulegen und für einen Neuanfang zu sorgen, Grundlagen für eine demokratische Entwicklung geschaffen. Als regulärer Ausschuss der Bürgerschaft versuchte er bis 1994 die Jahre des Übergangs zu gestalten und auch in dieser von Wirren gekennzeichneten Zeit für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen. 

Beispielhaft zeigt seine fast 5-jährige „Geschichte“, wie unter dem Druck von Friedensgebeten und Demonstrationen eine Bürgerbewegung entstand, in der sich neue Hoffnungen Bahn brachen und nach Regeln gesucht wurde, Menschen zu rehabilitieren. Freiheitliches Verhalten begann, alte Strukturen abzulösen. So verbanden die Bemühungen des Gerechtigkeitsausschusses die letzte Phase der DDR-Zeit in der Stadt Rostock über die Stationen des Herbstes 1989 und die Tage der ersten freigewählten DDR-Regierung mit der Anfangszeit der Bürgerschaft in der Hansestadt. Dadurch ist er zu einer der ganz wenigen kontinuierlich arbeitenden Institutionen dieser Jahre geworden. 

1994 musste seine Arbeit beendet werden, weil in der neuen Kommunalverfassung ein Ausschuss mit dieser Aufgabenstellung nicht vorgesehen war und die Bürgerschaft sich nicht zu einer Neuformulierung oder Sondereinrichtung verstehen konnte. So spiegelt sich in der Arbeit des Rostocker Gerechtigkeitsausschusses der Zusammenbruch der DDR und der Übergang zur Demokratie mit allen Mühen der Ebene wider, und an seinen dokumentierten Bemühungen ist auch abzulesen, wie und warum unter den neuen Verhältnissen manche Ideale der Revolutionszeit nicht realisierbar waren. 

Die öffentlich spektakulärste Aktion des Gerechtigkeitsausschusses war eine in Zusammenarbeit mit der Deutschen Seereederei zustandegekommene Entschädigungszahlungsaktion an Hunderte von Seeleuten, denen in der DDR-Zeit aus sicherheitspolitischen (= ideologischen) Gründen der Sichtvermerk im Seefahrtsbuch entzogen worden war, was einem Berufsverbot gleichkam. Dabei wurden von der Deutschen Seereederei Rostock insgesamt 3,58 Millionen Mark der DDR und 580.000 D-Mark an die Betroffenen ausgezahlt - aus reiner Kulanz, ohne rechtliche Grundlage. Dass dabei die geheimen Akten und Protokolle der sog. BKG, der betrieblichen Kontrollgruppe des Generaldirektors der DSR durch eine gelungene Beschlagnahme-Aktion am 11.01.1990 dem Gerechtigkeitsausschuss zur Verfügung standen, ermöglichte eine sachliche Bearbeitung und vereinfachte das Verfahren sehr. Gleiches gilt auch für ebenfalls mit Berufsverbot belegte Seeleute der Fischereiflotte und der Fischwirtschaft, denen Rehabilitierungssummen in etwa gleicher Höhe ausgezahlt wurden.

Arvid Schnauer


Quellen:

A) Vorhandene Tondokumente: 

a) die Bänder des Mitschnitts der öffentlichen Stadtverordnetenversammlung vom 6.11.1989, an dem der Ausschuss gegründet wurde, im Stadtarchiv Rostock

b) „Zum Beispiel: Rostock vom politischen Umbruch zur gesamtdeutschen Gegenwart“, ein Feature von Ingo Colbow; Redaktion: Ansgar Skriver, Regie Dieter Carls, Produktion WDR u. SR 1995 

c) NDR 1 Radio MV - „Forum“ „Erinnerungen für die Zukunft“, Rostocker Gerechtigkeitsausschuss; gesendet am 28.03.2006 von 19.15 - 20.00 Uhr; Moderation: Joachim Dresdner und Steffi Mehlhorn 

B) Veröffentlichungen: Arvid Schnauer „Zur Arbeit des Rostocker Gerechtigkeitsausschusses, Teil 1: 1989/90“ Erinnerungen, Notate, Dokumente, Schwerin 2009, herausgegeben von der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR; ISBN: 978-3-933255-30-3 und ders.

„Zur Arbeit des Rostocker Gerechtigkeitsausschusses, Teil 2: 1990 bis 1994“; ebenfalls herausgegeben von der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Zusammenarbeit mit dem Verein „Gegen Vergessen - Für Demokratie“ e.V. Berlin

C) Filmbeiträge:

„Zeitreise“: NDR-Beitrag über den Gerechtigkeitsausschuss und die Seefahrtsbücher, 31.10.2004.

„Zeitreise“: NDR-Beitrag über den Gerechtigkeitsausschuss, 25.01.2015.

„Die friedliche Revolution 1989 in Rostock“, Fotos: Roland Hartig, Song von Wolfgang Grahl „Es ist die Zeit“; musikalisches Arrangement: Hannes Pistor, www.youtube.com/watch?v=beHHITMzChw

Heute vor 25 Jahren - @Mauerfall89

bild mauerfall89

Ein Projekt der Stasi-Unterlagen-Behörde, des ZZF Potsdam und von BILD

Mit dem heutigen Tag veröffentlichte das Twitter-Projekt der Stasi-Unterlagenbehörde, des ZZF Potsdam und von BILD fast 800 Fotos und Videos sowie 1.360 Tweets unter twitter.com/Mauerfall89. Darunter ist auch dieses Foto aus meinem Archiv, das die größte Rostocker Donnerstags-Demonstration am Tag der Öffnung der Mauer zeigt. Die Zahl der Teilnehmer wurde in den Medien mit 40.000 angegeben. 

5.11.2014 - Symposium zum Stand der Deutschen Einheit

deutsche einheit

SUPERillu, die ostdeutschen Tageszeitungen und zebra I consult haben im Jahr 2014 eine repräsentative Umfrage zum Stand der Deutschen Einheit in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse werden auf einem Symposium am 5. November 2014 der Öffentlichkeit präsentiert. Auf dem Symposium wird eine Bestandsaufnahme im 25. Jahr nach der Friedlichen Revolution vorgenommen und danach gefragt, was das vereinigte Deutschland zusammenhält und was es bis heute trennt. 

Das Vorhaben wird von der Deutschen Gesellschaft e.V. mit freundlicher Unterstützung durch das Bundesministerium des Innern realisiert. Eingebunden sind die SUPERillu, die ostdeutschen Tageszeitungen, zebra I consult sowie die Gesellschaft für Deutschlandforschung e.V.

Ort: Vertretung des Freistaats Thüringen beim Bund, Mohrenstr. 64, 10117 Berlin. Zeitraum 05.11.2014, 10.00 bis 18.00 Uhr. 

Der Eintritt ist frei. Anmeldung per E-Mail oder telefonisch:

heike.tuchscheerer@deutsche-gesellschaft-ev.de

Tel. 030 88 412 254

Heike Tuchscheerer 

Anlage: Veranstaltungsprogramm (Flyer, pdf) 

Informationen: Projektvorstellung im Web 

Die Zeitung FREIE ERDE

christiane baumann zeitung freie erde

Die Zeitung „Freie Erde“ (1952-1990), Kader, Themen, Hintergründe. Beschreibung eines SED-Bezirksorgans. Autorin: Christiane Baumann. Hrsg. von der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

Schwerin, 2013, ISBN: 978-3-933255-42-6

Foto: Buchansicht, vorne (rechts) und hinten (links).


Jeder vierte Redakteur arbeitete für das MfS

Das jüngste Buch „Die Zeitung «Freie Erde» (1952-1990)“ der Autorin Christiane Baumann bestätigt: Auch die SED-Tageszeitung im Bezirk Neubrandenburg „war Teil eines widersprüchlichen Phänomens: Einerseits hatte die DDR-Presse enorme Statistiken vorzuweisen, was Vielzahl und Auflagenhöhe betraf, andererseits wurden die angeblich interessiertesten Zeitungsleser der Welt mit journalistischer Schmalkost abgespeist.“ Die Autorin deckt in ihrer Studie das Grundübel auf: „Der Stil von SED-Zeitungen (ebenso wie der übrigen) war wesentlich geprägt durch die Abwesenheit von Presse- und Meinungsfreiheit. Prinzipiell gelangte nur nach ideologischen Kriterien Ausgewähltes an die mehrfach kontrollierte Öffentlichkeit.“ 

Auch bislang kaum untersuchte Querverbindungen der Zeitungsmacher wurden offen gelegt. So entdeckte Christiane Baumann bei ihren Recherchen in der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen die Akten von über 40 ehemaligen „Inoffiziellen Mitarbeitern“ der Freien Erde. Demnach war Mitte der 80ziger Jahre fast jeder vierte Journalist ein IM des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). „Sie waren die «Horchposten» der Schnüffelbehörde sowohl nach innen in die Redaktion, als nach außen unter der Leserschaft.“ Dabei verweist die Autorin darauf, dass ein ganz großer Teil dieser inoffiziellen Arbeit auf die Leserschaft gerichtet war. „Die SED-Ebenen wollten wissen, was das Volk denkt.“ 

Dass fast 90 Prozent sämtlicher Druckkapazitäten in Besitz der SED-Holding ZENTRAG waren, zählte zu den „völlig bedeckt“ gehaltenen Eigentumsverhältnissen der SED. Mit Leichtigkeit ließ sich so Parteiräson verbreiten, konstatiert Christiane Baumann. Gefragt war der linientreue Journalist. Für die 14 SED-Bezirkszeitungen und die überregionale Tageszeitung Neues Deutschland (ND) geradezu konsequent: Um den Posten eines Chefredakteurs konnte man sich nicht bewerben. Die auserwählten Chefs „bekamen einen Parteiauftrag aus Berlin - und regelmäßige Vorgaben darüber, was ins Blatt sollte und was nicht“, beschreibt Baumann das Prozedere. 

Die 179 Seiten starke Beschreibung der Zeitung Freie Erde, die Fotos, Dokumente, Quellenangaben und ein Namenregister enthält, ist insgesamt gesehen die erste umfassende Studie über eine SED-Zeitung im Zeitraum von 1952 bis 1990. Außerdem dokumentiert das Buch das Fundament der DDR-Presse, „die in allen ihren Bereichen ein Kind des Stalinismus war“. Eine ähnlich detaillierte und öffentlich zugängliche Aufarbeitung liegt bei den anderen Ex-SED-Bezirkszeitungen so nicht vor. 

Nur in wenigen SED-Tageszeitungen, die westdeutsche Verlage nach der Wende aufkauften, hat es eine Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte von 1952 bis 1990 gegeben. Dazu merkt Christiane Baumann an: „Eine Studie der Technischen Universität Dresden mit dem Titel «Willfährige Propagandisten» (1997) zeigte Exemplarisches zum Thema MfS und Bezirkszeitungen an Einzelfällen von Stasi-Verwicklung aus Berliner Zeitung, Sächsische Zeitung (Dresden) und Neuem Tag (Frankfurt/Oder). Für die auflagenstarke Leipziger Volkszeitung wurde besonders die unmittelbare Umbruchzeit beschrieben.“ Die Ostsee-Zeitung gab zum 50. Jubiläum (2002) in Rostock einen Band mit dem Titel „Weil wir hier zu Hause sind“ heraus, „der Problematisches aus der DDR-Zeit erwähnte, aber nicht im Detail ausführte. Fakten wie die Stasi-Anbindung von Redakteuren blieben ausgespart. Umso stärker traf es die OZ dann, als die IM-Belastung ihres langjährigen Chefredakteurs ... im Jahr 2005 bekannt wurde.“ 

Die Aufklärung über die Presselandschaft in der DDR ist ein schwieriges Unterfangen. Immerhin, der Nordkurier (Neubrandenburg), der 2012 das 60jährige Bestehen als Regionalzeitung feierte, ließ ohne Wenn und Aber die ersten 38 Jahre Redaktionsarbeit unter dem Namen Freie Erde von der Berliner Journalistin Christiane Baumann „entziffern“. 

Roland Hartig 

Vom Aufbruch

radfahrer demo rostock 1990

Erste Fahrrad-Demo und Volksfest für Bremen in Rostock

Die sich überall breit machende „neue Demokratie” wird ab Herbst 1989 immer mutiger und bunter. So stellt sie die alte Städtepartnerschaft zwischen Rostock und Bremen - seit 1987 bestehend - mit einem „Volksfest für Bremen“ im Januar 1990 in Rostock vom Kopf auf die Füße. Veranstalter sind verschiedene Bürgerinitiativen, Parteien, die Hansestadt und zahlreiche Betriebe. Vorbei ist die Zeit der Reglementierung durch die SED und die Staatssicherheit. Mit dem Aufbruch geht es „familiärer“ zu, denn auch für die Bewohner beider Hansestädte existiert die deutsch-deutsche Grenze nicht mehr. 

Auch die 1. Rostocker Fahrrad-Demo im Juni 1990 sorgt für Zulauf. Aufgerufen hatten das NEUE FORUM, Bündnis 90 und die Bürgerbewegung DEMOKRATIE JETZT. Rostock ist zu dieser Zeit ALLES, aber nicht Radfahrerfreundlich. Vom Universitätsplatz geht es über den Südring zum Bahnstorfer Wald. Am Start und Ziel gibt es Kundgebungen und rege Diskussionen. 

Rainer Zschoch - Text und FOTO-SERIE 

Mecklenburgische Volks-Zeitung

mvz-redaktion

Geschäftsführung und Redaktion unmittelbar vor dem Aus der MVZ

Mitten im Herbst 1989 wurde in Rostock - wie auch anderswo in der DDR - die Idee von einer eigenen, unabhängigen Tageszeitung geboren. Die „neue Demokratie” traute den Journalisten und Verlagsmitarbeitern der alten Parteiblätter nicht über den Weg. Erfahrungen in der Wende bestärkten sie in ihrem Urteil. Im Dezember 1989 erstritten vor allem die Mitgründer der bis dato verbotenen SPD, der Rostocker Kinderarzt und spätere Klinikleiter an der Universität Rostock, Dr. Ingo Richter und der Musikdozent Horst Denkmann, am Runden Tisch des Bezirkes Rostock das Erscheinen einer solchen „Stimme der neuen Demokratie”. Von der Idee bis zur Realität sollte es im Verhältnis zum rasanten Tempo der friedlichen Revolution aber ein langer und langatmiger Weg sein.

Auch 18 Jahre danach ist es schwer zu ergründen, ob der damalige VEB Ostseedruck, der die Ostsee-Zeitung als Organ der SED-Bezirksleitung und zwei Tageszeitungen der Blockparteien sowie ein Bündel Betriebszeitungen druckte, mit seiner völlig überalterten Bleisatztechnik mit einem weiteren Blatt wirklich überfordert war oder ob es sich um eine schlitzohrige Hinhaltetaktik der Altkader handelte - beides wird wohl der Fall gewesen sein. Ideologische Blockade, Konkurrenzfurcht in einer noch unberechenbaren Zeitspanne?

mvz rostock 1990

15. Februar 1990 - die erste Nummer erscheint

Die neue Zeitung kam erstmals erst am 15. Februar 1990 auf den Markt. Dann aber sollte es auch gleich ein Knaller sein: 100 000 Exemplare für ein Land - Mecklenburg-Vorpommern - das es pro forma noch gar nicht gab. Ganz bewusst stimmten wir auf Vorschlag der jungen revolutionsgeladenen Sozialdemokratie in einen alten Titel ein: Die Mecklenburgische Volks-Zeitung (MVZ) sollte es sein, jene „Tages-Zeitung des schaffenden Volkes für beide Mecklenburg”, die 1892 im Rostocker SPD-Haus Doberaner Straße 6 das Licht der Welt erblickte und am Freitag, dem 12. Mai 1933, von den Nazis am Ende der Demokratie, im Zuge der Gleichschaltung verboten wurde.

Wir wollten eine Legende benutzen, um damit jedem vor Augen zu führen: Das ist das Neue; unter dem allumfassenden Führungsanspruch der SED-Kommunisten wäre das in der DDR schier unmöglich gewesen: Gegründet im Kaiserreich, von den Diktatoren verboten und nach etlichen Jahren Presseunfreiheit wieder erstanden. Ein wichtiger Grund also für all jene, die es ernst mit der gänzlich neuen Gesellschaft meinten, uns zu kaufen. Dies kurz vorweg: Die Rechnung ging nicht auf.

Zur langen Vorgeschichte gehörte das Suchen und Finden eines Redaktionsteams, die Gründung einer der ersten Privat-Gesellschaften im Nachwendefieber, der Mecklenburgischen Presse GmbH, einer Redaktion, und vor allem brauchten wir Geld... Alles im Eiltempo, wir hatten keinen Tag zu verlieren, die Zeit lief uns davon. Viele große und kleine Steine im Weg. Als bei der ersten Kontaktrunde im damaligen Haus der Demokratie Ernst-Barlach-Straße 2 (heute IHK zu Rostock) Vertreter eines bundesdeutschen Verlagskonzerns vorsichtig von einem gemeinsamen Start sprachen, scherte der Großteil der interessierten Journalisten, die wir angesprochen hatten, aus. Unabhängigkeit war ihnen das Wichtigste.

Hilfe zur Selbsthilfe

Eine Handvoll Zeitungsleute der damaligen Bezirksblätter „NNN” und „Der Demokrat” blieben; vom Neuen Forum hielten Werbegrafiker Horst Kirschneck und Tierforscher Dr. Rainer Ohff (heute Uni-Dozent in Bolivien) der MVZ die Stange. Die Redakteure Detlef Kuzia und Frank Peters ließen sich nicht beirren, auch sie gingen das Wagnis der Zeitungsneugründung ein; sie hatten mit Krach ihre alten Redaktionen verlassen.

Zu uns stießen in früher Phase der Historiker Dr. Karsten Schröder (heute Stadtarchiv), der für einzigartige und großformatig aufgemachte Geschichtsbeiträge sorgte, die in eigenen Beilagen bei unserem ersten West-Partner („Hilfe zur Selbsthilfe”), dem Weser-Kurier Bremen, gedruckt wurden, und Maria Pistor, die mit Leidenschaft dem Laden frischen Schwung gab. Redakteurin Frauke Kaberka vom „Demokrat” (heute bei der dpa), die in Wendetagen Mut und Courage bewies, baten wir inständig, bei uns einzusteigen, und sie kam; wir wählten sie kurz darauf zu unserer Chefredakteurin; mit ihr bekam die ganze Sache etwas mehr Kontur, doch all das half nicht übern Berg. Vom Werbekuchen der sich neu orientierenden und formierenden Betriebe blieb uns nur wenig. Immer mehr Leute von der schreibenden Zunft, aber auch viele Quereinsteiger - wie Roland Hartig als Fotoreporter - versuchten bei uns, das Blatt zum Erfolg zu führen. Mit Energie und stets großer Furcht vor einem möglichen Untergang der MVZ war Martina Plothe dabei, die - wie viele andere - bis heute dem Rostocker Journalismus treu blieb.

Mit Hilfe von Ingo Richter, zu jener Zeit in der SPD Rostocks und des sich herausbildenden Landes eine wichtige Figur, „besetzten” wir das Alteigentum Doberaner Straße 6; wir bezogen über den Büros der „Sozis” unsere MVZ-Redaktion. Dort saß zu DDR-Tagen die Arbeiter- und Bauerninspektion, ABI, deren Leiter kampflos das Feld räumte.

Drahtseilakt

In der Anfangsphase bedrängten uns die vorderen SPD-Leute nahezu täglich, etwas für die Partei, vor allem zu den bevorstehenden Wahlen am 18. März 1990 zu tun, schließlich würde es die MVZ ohne die SPD überhaupt nicht geben. Stimmte, aber wir steckten im Zwiespalt: Parteizeitung, wie es in der DDR für alle Tageszeitungen gang und gäbe war, wollten wir nie wieder machen; gerade all jene, die von den einst etablierten Blättern in Rostock stammten, lehnten das kategorisch ab. Es blieb ein Drahtseilakt, der eigentlich bis an den Schluss der MVZ hinreichte.

Plötzliches Aufatmen im Frühjahr 1990. Ein neuer West-Partner wurde uns vermittelt, die „Neue Westfälische” Bielefeld. Wir schlugen sofort ein und praktizierten auf einmalig schöne Weise im noch nicht vereinten Deutschland bis in den Sommer eine ost-westdeutsche Gemeinschaftsarbeit mit prima Kollegen aus Gütersloh, Bielefeld und Höxter, allesamt zumeist mit hoher Motivation, kollegial, überhaupt nicht hochnäsig. Und alles gratis, „Hilfe zur Selbsthilfe”. Eine Erfahrung, an die sich die meisten bis heute mit Freude erinnern. Kurzfazit: Ein freier und befreiender Journalismus - unwiederholbar in einer ebenso unwiederholbaren Phase deutscher Geschichte; aber was half das schon: Wir kamen nicht aus den Kinderschuhen.

Arbeit ohne Ende, denn wir produzierten die dürre und dünne MVZ mit ihren meist nur sechs oder auch mal acht Seiten per nur halbwegs funktionierendem Telefon, mit Schreibmaschinen-Manuskripten, die von der Redaktion ins Druckhaus mit dem Boten zu schicken waren, wie auch die wenigen Fotos, die dann im stark gerasterten Schwarz-Weißdruck kaum noch zu erkennen waren. Neben der Entschuldigung, dass wir die schlechtesten Bedingungen für den Druck unserer Zeitung hatten, hielt der Inhalt dem selbst gesteckten Anspruch nicht stand, konnte es nicht. Hinzu kam das Problem mit dem Vertrieb, beinahe jeden Tag gab es Ärger mit dem Postzeitungsvertrieb, Abonnenten beklagten, die MVZ käme gar nicht oder viel zu spät. Abbestellung auf Abbestellung folgte. Zudem war es genau die Zeit, da die bunte bundesdeutsche Zeitungspracht über das Osten hagelte; kaum eine Chance, mit den Idealen der verlängerten friedlichen Revolution beim Publikum zu landen.

Die Auflage rutschte in den Keller

Wir wussten viel zu unscharf, wohin die Reise gehen sollte. War es zu Beginn eine Art irrgläubige Hoffnung auf die schon erwähnte Konservierung von Wende-Ideen, so muteten wir uns kurz darauf an, Enthüllungsjournalisten der ersten Stunde zu sein; dann wollten wir alles verdammen, was nach DDR roch; doch wir merkten nur zu schnell, dass es die meisten Leute es schon damals satt hatten, permanent vorgejault zu bekommen, sie hätten in der roten Diktatur ein nutzloses Leben gelebt.

Was sich für Ostdeutschland heute wie ein Bumerang der Geschichte erweist und die meisten Menschen vielleicht unreflektierter „umdenken” lässt, zeichnete sich schon Mitte der 90er ab. Keiner von uns wollte (und will) sich den Stempel aufdrücken lassen, auf einer geistigen und materiellen Müllhalde groß geworden zu sein. Lebenswahrheit und Gerechtigkeit im Spiegel der Zeit haben andere Gesichter als Fratzen. Wir aber wurschtelten mit einem Themeneintopf und unserem Alleweltsjournalismus weiter. Den Inhalt bestimmten zeitliche Einschnitte. Erst die ersten freien Volkskammerwahlen, dann die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion vom 1. Juli 1990, dann der Prozess der Länderbildung und des kritischen Bestimmens der Landeshauptstadt - thematisch schwammen wir ohne Kontur im Strom der Tage mit. Das spiegelte sich in den Seelen. Der eine hisste die alte DDR-Fahne aus dem Redaktionsfenster der Doberaner Straße 6, der andere strebte nach stinkkonservativen Werten von Wohlstand in Freiheit, wieder andere pochten grüne Politik.

Die Auflage rutschte in den Keller, nur noch 9000 Druckexemplare schreckten uns auf, der Radius wurde immer kleiner, alle Appelle der SPD an ihre Mitglieder, die MVZ zu bestellen, halfen nicht mehr aus der Klemme; die Schulden wuchsen mit jedem Drucktag, und die Zahl der Mitarbeiter (wir legten uns einen eigenen Vertrieb zu) wuchs ins Unüberschaubare; das schwere Geschäft der Anzeigenakquise wurde zu keinem Zeitpunkt beherrscht. Immer neue Leute kamen, wollten mitarbeiten, redeten pausenlos auf uns ein; Kaufinteressenten, Partner, endlose Gespräche. Das Geld war aufgebraucht, die Gründercrew physisch am Ende; es war für die meisten eine aufopferungsvolle Phase mit Mammuttagen, mit exzessivem Leben, dem Überschreiten der eigenen Grenzen. Der Tag musste kommen. Folgerichtig. Den 15. September 1990 werden alle, die dabei waren, nicht vergessen.

Es regnete ununterbrochen. Horst und ich fuhren mit dem klapprigen „Wartburg” ab Lütten Klein; wir redeten uns heiß, alles drehte sich um das „Wie” - wie sagen wir es den Leuten, dass Schluss ist. Schluss mit der neuen Mecklenburgischen Volks-Zeitung, Schluss mit der Hoffnung vom eigenen, selbstbestimmten Medienmachen. Die Claims waren längst abgesteckt und die Karawane an uns vorbeigezogen. Vor die Doberaner Straße 6 hielten wir. Wir schwiegen uns die alten Treppen hinauf bis ins Sekretariat der MVZ. Dann fackelten wir nicht lange; jeder Tag hieß den unüberschaubaren Schuldenberg nur noch zu vermehren. Der Regen prasselte gegen die brüchigen Scheiben in den brüchigen Holzfensterläden des alten Gebäudes der Rostocker Sozialdemokratie und der alten MVZ. Ein paar Frauen fingen an zu weinen.

Wir machten uns an die letzten Texte, den Abgesang. Zwei Paradiesvögel platzten mit ihren neuesten Arbeiten herein. Pawel Pawlitzki (heute armer Maler) aus Basse bei Gnoien, der die MVZ mit der satirischen Kunstfigur Harald Keim bereicherte und Andreas Ciesielski (heute erfolgreicher Buchverleger in Kückenshagen), der als linker Allzeitkämpfer Stoff aus der Region Ribnitz beisteuern wollte: Jetzt alles Papierkorb. Nach Geburt 1892, Verbot 1933, Wiedererstehen 1990 war es nun wirklich aus und vorbei mit der Mecklenburgischen Volks-Zeitung.

Vor 18 Jahren gehörten wir mit zu den ersten in Rostock, die zum Arbeitsamt gingen, und wir lernten den Umgang mit den dauerhaften Schattenseiten der „neuen Zeit”.

Wenn eine „Lehre” zu ziehen ist, dann die, dass es in der damaligen und erst recht in der heutigen Gesellschaftsphase blanke Illusion ist, gegen die Finanzmacht der Medienkonzerne anzutreten. Wer so vermessen ist, eine Tageszeitung zu gründen, kann dies nur mit den Monopolisten.

Wolfgang Grahl


LESERBRIEF

Lieber Wolfgang Grahl, nur durch Zufall bin ich auf den Bericht über die MVZ gestoßen. Ich war damals eine aus dem Team der Neuen Westfälischen und habe mich damals besonders gefreut, Euch in den Neuanfängen mit der MVZ tatkräftig zu unterstützen. Schön, dass Du dem Journalismus treugeblieben bist. Ganz herzliche Grüße aus dem sonnigen Bielefeld und alles Liebe, Ina Machaczek - damals Eure beste Frau.

04. Juni 2010


Eine gute Analyse

Guter, flüssiger und mitreißender Artikel nach dieser langen Zeit (wenn auch hier und da mit dieser gewissen Brille); wirklich eine gute Analyse und Retrospektive mit  aller Ratio und Emotion und mit Fazit. Du „alter“ Reporter, Du rast immer noch auch, wie der andere da, dieser Kisch! Meine ich ehrlich! Horst Kirschneck

16. Juni 2009

Video mit ES IST DIE ZEIT bei Youtube


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