Pinnwand

Es ist die Zeit

johannes pistor

Fotos: Roland Hartig

Der Song ES IST DIE ZEIT von Wolfgang Grahl, den er 1989 erstmals öffentlich vorgestellt hatte, ist jetzt von dem Rostocker Musiker Johannes Pistor neu arrangiert und in CD-Qualität abgemischt worden. Schlagzeug, Bassgitarre, Melodie- und Rhythmus-Gitarre sorgen für rockigen Sound. Dazu singt Wolfgang Grahl seinen engagierten Text.

Es ist die Zeit, mp3

„Der Titel ist Ausdruck der damaligen Stimmung der Demonstranten auf Rostocks Straßen und Plätzen im Herbst 1989. Männer und Frauen lehnten sich mutig auf gegen Machtmissbrauch und Anpassung, machten sich Luft über das marode Regime und über die immer mieser werdenden Lebensumstände des Realsozialismus - hier wie anderswo in der DDR. Gewaltfrei und revolutionär ging es zur Sache - die Friedliche Revolution nahm auch im Norden ihren Lauf“, erklärte Wolfgang Grahl.

In der Anfang Juni 2009 von tvrostock ausgestrahlten Dokumentation „20 Jahre nach der Wende - Das Portrait Peter Schmidt“ war zum ersten Mal die Neuauflage des Grahl-Stückes zu hören, ebenso eine Instrumentalversion. Der vollständige Beitrag kann über das Archiv des Senders aufgerufen und auf DVD angefordert werden.

Instrumental, mp3

Copyright-Vermerk

Die kostenlose Verbreitung und Aufführung des Titels ES IST DIE ZEIT ist mit folgendem Copyright-Vermerk gestattet:

Text/Melodie: Wolfgang Grahl

Arrangement: Johannes Pistor

Video: Die friedliche Revolution 1989 in Rostock


ES IST DIE ZEIT

von Wolfgang Grahl

Fassung vom 25. Oktober 1989, abgedruckt in der Tageszeitung Norddeutsche Neueste Nachrichten (NNN)


Es ist die Zeit, jetzt was zu sagen, 

es ist die Zeit, jetzt aufzustehn,

Im Jammertal aus hohlen Phrasen,

friedlich Perspektive sehn.

Es ist die Zeit.


Es ist die Zeit, nicht mehr zu heucheln,

Schluss mit der Zweizüngelei.

Fort mit Bonzenprivilegien.

Sprich, erbrich dich, würg dich frei.

Es ist die Zeit.


Es ist die Zeit den andern achten

und Hoch-Zeit für Erneuerung.

Es ist die Zeit, jetzt frei zu denken

ohne `ne Spionenfurcht.

Es ist die Zeit.


Es ist die Zeit für Hasardeure

und ist die Zeit der Ehrlichkeit.

Die Zeit, ein goldenes Kalb zu schlachten 

und nicht zu blöken: Seid bereit. 

Es ist die Zeit.


Chronik der Wende in Rostock

herbst 1989  wende rostock

Am 19. Oktober 2009 (Farbfotos, rechts) erinnerten 2000 Bürger an die erste Demonstration im Herbst 1989 mit einem Marsch durch die Rostocker Innenstadt. Links: Schwarz-Weiß Aufnahmen aus dieser Zeit. Collage: Roland Hartig


19. Januar 1989 - Die Berliner Mauer „wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind“, so der Staats- und Parteichef der DDR, Erich Honecker, auf einer Tagung des Thomas-Müntzer-Komitees in Berlin.

7. Mai 1989 - Erstmals gelingt es Bürgerrechtlern, die Manipulation der Kommunalwahlen in der DDR nachzuweisen. Oppositionelle protestieren öffentlich gegen den Wahlbetrug. 

Juli 1989 - Beginnende Massenflucht von DDR-Bürgern in die bundesdeutschen Botschaften von Prag, Budapest, Warschau und Ost-Berlin. Weitere versuchen, die Ost-West Grenze - auch «Eiserner Vorhang» genannt, direkt zu überwinden. 

4. September 1989 - Erste Montagsdemonstration für Reise-, Presse- und Versammlungsfreiheit in Leipzig.

10. September 1989 - Gründung der Bürgerbewegung Neues Forum in Grünheide bei Berlin, u.a. mit Katja Havemann, Rolf Henrich, Jens Reich und Bärbel Bohley.

11. September 1989 - Ungarn gibt Aufgrund der DDR-Flüchtlingswelle die militärische Sicherung der Grenze auf.

30. September 1989 - Die DDR genehmigt 5 500 DDR-Flüchtlingen in der BRD-Botschaft in Prag die Ausreise in die BRD. 

5. Oktober 1989 - Erste Rostocker Fürbittandacht in der Petrikirche mit 500 Teilnehmern, die sich mit den Leipziger Inhaftierten solidarisieren. Zudem wird in den Rostocker Kirchen ein Schreiben mit dem Titel „Aufbruch 89 - Neues Forum“ verteilt. 

6. Oktober 1989 - Die Rostocker Stadtverordnetenversammlung feiert im Saal des Kurhauses Warnemünde 40 Jahre DDR. Für die SED spricht Ulrich Peck. Mutig bringt sich Joachim Wiebering, Landessuperintendent für den Kirchenkreis Rostock-Stadt, als Gastredner in die Diskussion ein. 

7. Oktober 1989 - 40. Jahrestag der Gründung der DDR. Weitere Andacht der Betroffenheit mit 600 Teilnehmern in der Rostocker Petrikirche. Der in Berlin von Michail Gorbatschow verkündete Spruch, „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, wird als Ermunterung für den begonnenen Aufbruch in der Zeit der politischen Wende gedeutet. In Berlin, Leipzig, Dresden, Jena, Plauen und Potsdam werden Tausende Demonstranten festgenommen. Viele wurden von Volkspolizei und Stasi misshandelt. 

8. Oktober 1989 - In Warnemünde beschließt eine fünfköpfige Gruppe - unabhängig und ohne Kenntnis vom Schwanter Kreis - die Gründung der Sozialdemokratischen Partei für Rostock. 

9. Oktober 1989 - In Leipzig demonstrieren 70 000 Menschen für Reformen. Die Aufrufaktion von sechs Leipziger Bürgern (Künstler, ein Pastor, Funktionäre der SED) verhindern den Einsatz von Polizei und Armee. 

11. Oktober 1989 - Erste öffentliche Veranstaltung des Neuen Forums Rostock mit 500 Teilnehmern in der Michaeliskirche, darunter die Gründungsmitglieder Dietlind Glüer und Rainer Ohff. 

12. Oktober 1989 - Eine weitere Fürbittandacht, die in die Marienkirche verlegt wird, besuchen etwa 3000 Bürger. 

18. Oktober 1989 - Auf Drängen des SED-Politbüros wird Erich Honecker zum Rücktritt als SED-Generalsekretär gezwungen. Egon Krenz wird sein Nachfolger. 

19. Oktober 1989 - Nach dem Donnerstagsgottesdienst in der Rostocker Marienkirche und Petrikirche findet die erste größere Demonstration statt, die durch die Fußgängerzone führt. Das Spruchband „Zutrauen zur Zukunft - Neues Forum“ und der Schmetterling „Gewaltfrei für Demokratie“ werden zum Fanal des Aufbruchs. Sie werden auch zu den nachfolgenden Donnerstagsdemonstrationen voran getragen.  

21. Oktober 1989 - Große Demonstration durch die Rostocker Innenstadt mit 2000 Teilnehmern. Der Verkehr kommt zeitweilig zum Erliegen. 

24. Oktober 1989 - Die erste Rostocker Dialogveranstaltung, initiert von den Funktionsträgern des Machtapparates, wird wegen Überfüllung des Rathauses in den Kultursaal der Post verlegt. Thema: Stadtentwicklung und Umweltschutz. 

25. Oktober 1989 - Die Tageszeitung Norddeutsche Neueste Nachrichten veröffentlichen einen kritischen Artikel über die Staatspartei mit der Überschrift „Neue Männer und Frauen braucht das Land“ und das Gedicht „Es ist die Zeit“ von Wolfgang Grahl (Video ansehen).

25. Oktober 1989 - In der Sport- und Kongresshalle findet die zweite Dialogrunde statt. Es geht um die „Lösung der Wohnungsfrage“. 

26. Oktober 1989 - In Vorbereitung auf die nächste Donnerstagsdemonstration in Rostock finden erstmals trialogische Gespräche zwischen Vertretern der Bürgerbewegung, der Kirchen und staatlichen Funktionären statt. Damit wird das Neue Forum in Rostock quasi als Verhandlungspartner anerkannt. 

4. November 1989 - Auf dem Alexanderplatz in Berlin findet mit 500 000 Teilnehmern die größte Demonstration in der Geschichte der DDR statt. Grundtenor: Schaffung einer gründlich erneuerten und demokratisierten DDR. 

6. November 1989 - Unter den wichtigen Daten der friedlichen Revolution in Rostock darf der 6.11.1989 nicht fehlen. Warum? In der öffentlichen Stadtverordnetenversammlung, die an diesem Tag in der Sport- und Kongreßhalle stattfand, wurde ein zeitweiliger Gerechtigkeitsausschuss gebildet, der Unrecht, Machtmissbrauch und Beschränkung der persönlichen Freiheit in der DDR-Zeit aufarbeiten und rehabilitieren sollte. Dieser Ausschuss hat über die erste freie Wahl bis zum Jahre 1994 - dann als Ausschuss der neugewählten Bürgerschaft - gearbeitet, vielen Menschen Rehabilitierung und Erstattungen in Millionenhöhe (Seeleuten) gebracht und auch neues Unrecht der Wendezeit (THA, Treuhandanstalt) aufgedeckt. Vorsitzender dieses Ausschusses war u.a. Arvid Schnauer, Pastor em. (Mai 1990 bis Ende 1994, seit 2002 in Ruhestand).

7. November 1989 - Rücktritt der DDR-Regierung, tags darauf tritt auch das SED-Politbüro zurück.

9. November 1989 - Günter Schabowski verkündet in einer Pressekonferenz im DDR-Fernsehen die Maueröffnung in Berlin und die Öffnung der Grenzen zur Bundesrepublik. In Rostock demonstrieren nach den Andachten in den Kirchen 40 000 Menschen friedlich durch die Innenstadt. 

10. November 1989 - Offizielle Gründung der Sozialdemokratischen Partei (SDP) Rostock. 

12. November 1989 - Diskussion im Volkstheater Rostock zur Pressefreiheit. Das Sekretariat der SED-Bezirksleitung tritt zurück. Ulrich Peck wird zum letzten 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung des Bezirk Rostock gewählt. 

15. November 1989 - Rundtischgespräch im Rostocker Rathaus. „Demokratie jetzt“ gründet Rostocker Basisgruppe. 

Ende November 1989 - In Kavelstorf bei Rostock wird ein geheimes Waffenlager entdeckt. Am 2. Dezember wird das Depot durch couragierte Anwohner und Bürgerrechtler wie Axel Peters geöffnet. Die Rostocker Journalistin Frauke Kaberka deckt als erste in der Tageszeitung „Der Demokrat“ auf, dass die IMES GmbH einen schwunghaften Waffenhandel betreibt. 

3. Dezember 1989 - Hunderttausende dokumentieren unter der Losung „Ein Licht für unser Land“ in einer Menschenkette von Kap Arkona bis zum Fichtelberg ihren Willen nach einer gründlich erneuerten DDR. Doch bei den anschließenden Demonstrationen im Dezember wurde der Ruf nach «Deutschland einig Vaterland» immer lauter. 

4. Dezember 1989 - Der Rat des Bezirkes Rostock tritt zurück. Am Nachmittag bilden Bürger eine Mahnwache vor der Stasi-Zentrale, August-Bebel-Straße. Diese richtet sich „Gegen die Vernichtung von Beweismitteln“. In der Nacht wird das Gebäude der ehemaligen MfS-Bezirksverwaltung, nun Bezirksamt für Nationale Sicherheit, von engagierten Vertretern der Bürgerbewegung, wie Axel Peters, Dietlind Glüer, Harald Terpe und Gerhard Rogge, besetzt. Sie stoppen die Vernichtung der Akten, lassen Räume versiegeln und übergeben der Volkspolizei das Stasi-Gebäude. Der Chef der Rostocker Stasi-Behörde, Generalleutnant Rudolf Mittag, wird zeitweilig festgenommen. 

6. Dezember 1989 - Mit Blick auf die beiden deutschen Staaten sagt Willy Brandt an diesem Tag in der Rostocker Marienkirche: „Eine Wiedervereinigung kann ich mir schwer vorstellen. Es wird nichts mehr so sein, wie es war. Sondern es ist etwas Neues, was wir schaffen müssen …“ An diesem Abend strömen 8000 Menschen in die Kirche, draußen hören 20 000 über Lautsprecher zu. Danach ist Brandt zu Gast bei „Kennzeichen D“ im Teepott Warnemünde. An der Sendung nehmen noch Ingo Richter, Gründungsmitglied der Rostocker SPD, Joachim Gauck für das Neue Forum, Wolfgang Schnur für den Demokratischen Aufbruch und Professor Rolf Reißig von der SED Parteischule in Berlin teil. 

7. Dezember 1989 - Erstmals erscheint die unabhängige Zeitung „Bürgerrat“. 

9. Dezember 1989 - Erstmals tagt der Runde Tisch der Stadt Rostock mit Vertretern von 15 Parteien und Vereinigungen unter Vorsitz von Propst Horst Vogt. Besetzung der SED-Kreisleitung Rostock. 

13. Dezember 1989 - Auf der Rostocker Mitgliedervollversammlung des Neuen Forums deutet sich eine Veränderung der politischen Ziele zur deutschen Einheit an. Gauck spricht sich für eine Wiedervereinigung aus. Der Rostocker Bürgerrat konstituiert sich. Unter der Führung von Wolfgang Schnur bildet sich die Ortsgruppe Rostock des Demokratischen Aufbruchs. 

18. Dezember 1989 - Gründung der Rostocker Gruppe des Unabhängigen Frauenverbandes. Basisgruppe der Grünen Partei bildet sich für den Stadt- und Landkreis Rostock. 

21. Dezember 1989 - Bildung des Runden Tisches des Bezirkes Rostock. 

22. Dezember 1989 - „Plattform“ erscheint als unabhängiges Blatt. 

4. Januar 1990 - Der Unabhängige Untersuchungsausschuß informiert in einem Pressegespräch über seine Tätigkeit bei der Auflösung der Stasi in Rostock. 

31. Januar 1990 - Gespräche in Lübeck zwischen alten und neuen Repräsentanten der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg mit Politikern der Landesregierung von Schleswig-Holstein. 

Januar 1990 - Die Städtepartnerschaft zwischen Rostock und Bremen - seit 1987 bestehend - wird mit einem „Volksfest für Bremen“ in Rostock vom Kopf auf die Füße gestellt. Veranstalter sind verschiedene Bürgerinitiativen, Parteien, die Hansestadt und zahlreiche Betriebe.

12. Februar 1990 - Altbundeskanzler Helmut Schmidt besucht Rostock und spricht vor Tausenden vor dem Barocksaal auf dem Universitätsplatz. 

15. Februar 1990 - Erstmals erscheint die Mecklenburgische Volks-Zeitung in Rostock. Sie muss am 5. September 1990 ihr Erscheinen einstellen.

16. Februar 1990 - Erster Bericht des Gerechtigkeitsausschusses Rostock über den Stand seiner Arbeit. 

26. Februar 1990 - Sechs Vertreter des Runden Tisches der Stadt Rostock beginnen ihre Arbeit als „Stadträte ohne Geschäftsbereich“. 

9. März 1990 - Helmut Kohl spricht in Rostock auf dem Platz der Fischerbastion auf einer Wahlkundgebung der Allianz für Deutschland. 

18. März 1990 - Die DDR-Bürger erleben ihre erste und einzige freie Volkskammerwahl in Ostdeutschland als kein Zettelfalten mehr. Das höchste Parlament wählten sie geheim, ohne Druck von oben. Der überraschende Wahlgewinner ist die konservative „Allianz für Deutschland“ mit 48 Prozent, ein Bündnis aus Ost-CDU, DA (Demokratischer Aufbruch) und DSU (Deutsche Soziale Union). Die PDS, die SED-Nachfolgepartei, erhält 16,4 Prozent der Stimmen, die SPD knapp 22. Der „Bund Freier Demokraten“ erzielte gut fünf und „Bündnis 90“ nicht ganz drei Prozent. 

26. März 1990 - Christoph Kleemann, Sprecher des Neuen Forums und Mitglied des Runden Tisches der Stadt Rostock, wird nach dem Rücktritt des SED-Oberbürgermeisters Henning Schleiff, für drei Monate amtierender Oberbürgermeister von Rostock. Anschließend hatte er bis 1994 das Amt des Bürgerschaftspräsidenten inne. Kleemann war von 1999 bis April 2009 Leiter der BStU-Außenstelle Rostock. 

Juni 1990 - Die 1. Rostocker Fahrrad-Demo sorgt für großen Zulauf. Aufgerufen hatten das NEUE FORUM, Bündnis 90 und die Bürgerbewegung DEMOKRATIE JETZT. 

1. Juli 1990 - Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR tritt in Kraft. Auch Rostocker stehen bei den Banken und Sparkasse an, um zum ersten Mal die Deutsche Mark abzuheben. 

3. Oktober 1990 - Tag des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik, seitdem Feiertag. 

LinkTipp: Video mit ES IST DIE ZEIT bei Youtube

———————

Diese Chronik der Wende stützt sich: auf eigene Erinnerungen, Recherchen im Internet, Infos von Wolfgang Grahl, Ingo Richter, Arvid Schnauer, Rainer Zschoch u.a., Beiträge aus der Ostsee-Zeitung und der Dokumentation HERBST 89 - DIE WENDE IN ROSTOCK, ZEITZEUGEN ERINNERN SICH, Buchausgabe der Universität Rostock, 1999, ISBN 3-86009-169-7.

Glasnost auf deutsch

kutter auf grund

Alte Garde verschlief Tapetenwechsel

Das Foto hier mal symbolisch gesehen: Die DDR ist am Ende, das Führungsschiff sinkt, die alte Garde ist von Bord gegangen. Dieser Schnappschuss, der einen Kutter in einer misslichen Lage zeigt, entstand 1990 in Ribnitz-Damgarten. 

Mit Gorbatschows Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit) in der Sowjetunion - offiziell ab 1986/87 eingeleitet - dachten viele Menschen in der DDR, jetzt geht es bei uns auch bald los. Aber die alte Garde im Politbüro dachte nicht daran. In einem stern-Interview vom 9. April 1987 erklärte SED-Chefideologe Kurt Hager abwertend: „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?” Dieser Betonkopf stand mit seiner herrschaftlichen Meinung nicht allein da. Denn zuvor, nach zweiwöchiger Bedenkzeit, segnete das Politbüro das Interview ab. Nicht nur der stern, auch das damalige Parteiorgan Neues Deutschland (ND) veröffentlichte es. Dabei propagierte das Blatt mal den Leitgedanken: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen.” Und jetzt der Bruch, kein Tapetenwechsel in der DDR? Das war eine völlig lebensfremde PR für den angeblich „real existierenden Sozialismus“.

Und es gab noch viele andere Ost-Mühlen, die unter die Räder kamen. Besonders die Wirtschaft stand unter dem Bremsklotz „Führende Rolle der SED”. Jeder Großbetrieb hatte einen bezahlten Parteisekretär. Es galt der dogmatische Spruch: „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!” Völliger Schwachsinn, dachte ich damals schon, als ich selbst noch Mitglied war. Ein Mitläufer war ich nicht. Im Gegenteil, ein bewegter Mensch, der dies und das auf die Schippe nahm, der Missstände nannte, aber auch einer, der beim „Subbotnik” (freiwilliger Arbeitseinsatz) im Wohngebiet mit anpacken konnte.

Als die sowjetische Zeitschrift Sputnik am 19. November 1988 von der Postzeitungsliste der DDR gestrichen wurde, war ich sehr verärgert. Das Heft verboten? Laut einer ND-Meldung leiste es keinen Beitrag zur Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft und bringe statt dessen verzerrende Beiträge zur Geschichte. Ein politisches Husarenstück gegen Glasnost. Leider hielt sich die allgemeine Aufregung darüber in Grenzen. 

Für viele Bürger war das Maß längst voll, ob mit oder ohne Sputnik. Denn politische Gängelung und Mangelwirtschaft nahmen immer mehr zu. Im Sommer 1989 packten Zehntausende ihre „Urlaubs”-Koffer und flüchteten in die bundesdeutschen Botschaften in Prag, Budapest und Warschau. Andere versuchten, die Grenze - den „Eisernen Vorhang” - zu überwinden. Überall spielten sich menschliche Tragödien ab. Die Ausreisewelle riss Lücken in vielen Familien. Hardliner versuchten mit ihrer „Selbst-Schuld”-Masche zwischen den DDR-Bürgern, die ihre Heimat verließen, und denen, die hier blieben, einen Keil zu schieben. Hier im Osten die Eltern, der Sohn nun im Westen. Ewig konnte diese zum Zerreißen angespannte Situation nicht so bleiben. Aber die alte Garde verschlief weiter den Tapetenwechsel. Sie feierte am 7. Oktober 1989 den 40. Jahrestag der DDR in einer schon bemerkenswerten realitätsfernen Manier. Der Staatspräsident der ehemaligen UdSSR, Michail Gorbatschow, beschrieb als Gastredner die damalige Lage ganz treffend: „gefährlich für denjenigen wird, der nicht auf das Leben reagiert.“ Daraus wurde die populäre Redewendung: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Für die Opposition in der DDR war das ein wichtiges Signal.

Im Herbst 1989 fragte ich auf einer Versammlung - da war ich noch Offizier in Warnemünde - ob es jetzt nicht höchste Zeit ist, die alte DDR zu tapezieren, ja zu renovieren. Meine Frage kam ins Protokoll, Antworten gab es keine. Von da war mir nichts mehr im Weg, nur heraus aus dieser Zwick- und Tretmühle.

Ich sagte mir: Kündige! Packe deine Kamera ein, auf zu den Donnerstagsdemos in Rostock, fotografiere Geschichte, die Wende oder wie es inzwischen ganz richtig heißt, die Friedliche Revolution. Die Kraft der Straße setzte den Tapetenwechsel in Gang. Friedlich, auch berechenbar, im Rahmen von Wahlen und Staatsverträgen. Dann die Vollendung der staatlichen Einheit Deutschlands am 3. Oktober 1990. Praktisch Perestroika und Glasnost auf deutsch. 

roland-hartig


Was mich heute immer noch freut, ich konnte endlich das machen, was ich schon seit Jahren vergeblich versucht hatte: Mich als Fotoreporter zu verwirklichen. Mein erster Arbeitgeber war die Mecklenburgische Volks-Zeitung (MVZ), später folgten die NNN und der küsten-reporter. Als Geschäftsführer in einem Verband brachte ich nebenbei ein Buch und zehn Jahre lang einen elektronischen Rundbrief heraus. Zwischen diesen Jobs nahm ich mir sogar eine Auszeit als Fernfahrer im Autotransport quer durch Europa. 

C’est la vie, das ist das Leben! Endlich in Freiheit!

Roland Hartig 

Video mit ES IST DIE ZEIT bei Youtube

HomeFotoalbumPinnwandKontakt © Roland Hartig 2014 - 2016