Kinder, wie die DDR-Zeit vergeht

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Veröffentlicht by Foto-Hartig, November 2009. Im ersten Bild, oben: Die „Wende“-Kinder Anne, Susanne, Doreen und  Katrin (v.l.) aus Rostock im Herbst 1989 vor der Kamera. Sie sind aufgekratzt und spüren die Veränderungen in der DDR. Die im Hintergrund eingefügte Mauer, eine Montage, soll die historische Situation verdeutlichen. Was ist aus diesen Mädchen geworden? Anne (27) lebt heute in einer festen Beziehung, sie hat ein Kind und arbeitet als Krankenschwester in Berlin. Doreen (31), geschieden, zwei Kinder, ist in einem Altenheim in Rostock tätig. Wo die beiden anderen leben und arbeiten, ist nicht bekannt. Alle haben jedenfalls die Schule mit einem guten Abschluss verlassen.

Das Bild darunter zeigt Rostocker Schüler einer 9. Klasse, die sich am 10. November 2009 im Unterricht mit den historischen Hintergründen der „friedlichen Revolution“ in der damaligen DDR beschäftigt haben. Zwischen diesen beiden Aufnahmen liegen 20 Jahre. 

Beim Thema „Mauerfall“ konnten sich offenkundig erstmals Lehrer, Schüler und Zeitzeugen wegen des zeitlichen Abstandes von 20 Jahren völlig ungezwungen mit den Verhältnissen in der DDR auseinander setzen. So fand ein vom Volkshochschulverband MV initiierter Projekttag am Innerstädtischen Gymnasium Rostock unter dem Titel „Die Rostocker und ihre Revolution - Politischer Umbruch in Rostock 1989/90“ mit Besichtigung der Dokumentations- und Gedenkstätte der BStU in der ehemaligen U-Haft der Stasi, Zeitzeugen und Film „Es ist die Zeit“ großen Zuspruch. Zudem konnten alle Schülerinnen und Schüler der sechsten Klassen in der Hansestadt Rostock ein Kinderbuch des tschechischen Zeichners Peter Sis mit dem Titel „Die Mauer - Wie es war, hinter dem Eisernen Vorhang aufzuwachsen“ in Empfang nehmen. Ein Geschenk des Münchner Carl Hanser Verlages mit seinem Verleger Michael Krüger und des Rostocker Buchhändlers Manfred Keiper („die andere Buchhandlung“).

In Rethwisch, Landkreis Bad Doberan, erinnerten mehr als 300 Schüler der Conventer Schule mit einem Sternmarsch durch die Straßen an den Mauerdurchbruch vor 20 Jahren. Die nachgebaute Mauer stürmten sie mit lauten Rufen. Das Käthe-Kollwitz-Gymnasium Rostock recherchierte in Stasi-Akten. Herausgekommen ist die Geschichte eines gescheiterten Fluchtversuchs mit einem U-Boot. In Neubrandenburg arbeitete das Gymnasium Carolinum die Geschichte der Stasi-Haftanstalt Neustrelitz auf. Schüler der Grundschule Tarnow im Landkreis Güstrow sprachen mit Zeitzeugen über die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) im damaligen Bezirk Rostock. Die „Dorfrepublik Rüterberg“, die zu DDR-Zeiten in der militärischen Sperrzone lag, untersuchte das Gymnasiale Schulzentrum Dömitz, Landkreis Ludwigslust. In Samtens auf Rügen ließen 188 Mädchen und Jungen der Grundschule „Kranichblick“ Luftballons in den Himmel steigen.

Von längerer Dauer ist diese Aktion: Eine historische Straßenbahn zum Gedenken an die friedliche Revolution 1989 und den Mauerfall fährt seit 9. November durch Rostock. Die OSTSEE-ZEITUNG und die Rostocker Straßenbahn AG brachten den mit Schlagzeilen und Fotos dekorierten Tatra-Triebwagen von 1989 auf die Schiene. Diese Straßenbahn verkehrt bis 2011 auf der Linie 1.

Für viele ist die kleine, merkwürdige DDR mit Mauer und Stacheldraht längst Geschichte. Beim Rückblick fällt auf: „Kinder, wie die DDR-Zeit vergeht.“ Doch der Bürgerrechtler und ehemalige Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck (69), sieht 20 Jahre nach dem Mauerdurchbruch bei vielen Ostdeutschen noch immer Skepsis gegenüber dem vereinten Deutschland: „Die Freude an der Freiheit hat sich in Furcht vor der Freiheit verwandelt“. Für ihn persönlich seien die wesentlichen Ziele der damaligen Bürgerbewegung erfüllt. „Wir sind ein freies Land, wir haben Grundrechte und sind ein Rechtsstaat. Das hatte ich 50 Jahre meines Lebens nicht“, sagte der gebürtige Rostocker. Deswegen sei er nicht enttäuscht, sondern von Freude und Dankbarkeit über die Einheit geprägt. Das erklärte er in einem Gespräch am 9. November der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Roland Hartig 

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